Beitrag teilen

Tell, Freiheit, Neutralität: Unser Weg seit 1291

Ansprache zum Nationalfeiertag der Pro Schweiz auf dem Tellspiel-Areal Matten bei Interlaken, Freitag, 31. Juli 2026

Manuskript (PDF)

Es gilt sowohl das schriftliche wie das gesprochene Wort, wobei sich der Redner vorbehält, stark vom Manuskript abzuweichen.

I. Begrüssung

Herr Präsident,
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger aus der ganzen Schweiz,
Chèrs compatriotes de la Suisse romande,
Cari connazionali della Svizzera italiana,
Caras convischinas e chars convischins da la Svizra rumantscha,
Getreue, liebe Eidgenossen,
Liebi Fraue und Manne!

Wir haben uns hier auf dem Tellspiel-Areal im Berner Oberland versammelt, um in feierlichem, würdigem Rahmen an den Geburtstag unserer Eidgenossenschaft zu erinnern.

Hier – an diesem Standort – wird immer wieder bezeugt: Am Beginn unseres Landes stand der unerschütterliche Wille, sich selber zu bestimmen.

Keine fremde Herrschaft und keine fremden Richter sind zu dulden.

So ist es verewigt im Bundesrief von 1291, der im Bundesbriefarchiv in Schwyz aufbewahrt wird.

Und dieser Freiheitsbrief von 1291 ist auch der Ursprung des grossartigen Dramas «Wilhelm Tell» des deutschen Dichters Friedrich Schiller, der den Kern unseres Landes 1804 in seinem berühmten Schauspiel zum Ausdruck gebracht hat.

1291– das Geburtsjahr unseres Landes – liegt weit zurück. Doch die Botschaft von der Gründung der Schweiz ist bis zum heutigen Tag massgebend – nicht nur für die Schweiz, sondern für alle freiheitlichen Staaten. So feierte die USA kürzlich die 485 Jahre später erlassene, weltberühmte «Declaration of Indepentend», welche die Unabhängigkeit der USA von England festhält. Es ist wie die vom Freiheitsbrief festgehaltene Forderung: Wir wollen keine fremden Richter haben – nicht im Wortlaut, aber im gleichen Sinne.

Es ist eine zeitlose Forderung, und sie ist gerade für den Kleinstaat Schweiz lebensnotwendig.

Der Bundesbrief der schweizerischen Eidgenossenschaft vermerkt in den ersten Zeilen, dass er «angesichts der Arglist der Zeit» verfasst und beschlossen worden ist.

«Die Arglist der Zeit» ist für die Schweiz keine Ausnahme, es ist der Normalfall. Gerade heute erleben wir dies wieder. Wie viele sind gegenwärtig bereit, die erfolgreichen Staatssäulen Selbstbestimmung und Freiheit unseres Landes zu opfern?

Diese Gründungswerte unseres Staates – im Bundesbrief festgehalten – stellt Friedrich Schiller in seinem Mythos «Wilhelm Tell» besonders eindrücklich dar.

Ausgerechnet der Ausländer Friedrich Schiller hat dies erkannt. Wie heute haben schon damals Ausländer die Bedeutung und Besonderheit des Fleckens Schweiz und seines Staates besser erkannt als mancher Schweizer Politiker. So entstand eines der grossartigsten Bühnendramen überhaupt – ausgerechnet über die Gründung unseres schweizerischen Staates.

Und dieses Drama wurde bis heute an diesem Ort während Jahren in grossartiger Weise immer wieder aufgeführt.

So ist auch meine Familie – mit den Kindern und später mit den Enkeln – auch in diesem Jahr und immer wieder zur Tell-Aufführung hierhergekommen, und alle sind stets begeistert nach der Aufführung heimgefahren.

II. Die ewige Versuchung

Doch was zeigt uns Schillers «Tell»? Zunächst bezeugt das Werk die ewigen Versuchungen und Verlockungen, mittels fremder Mächte zu Grösserem und zu mehr Macht zu kommen.

So zeigt der junge Ulrich von Rudenz in Schillers «Tell» wie er vom Glanz und Glimmer, von der Pracht und dem Reichtum des habsburgischen Königshofs, wo er einige Zeit verbringen durfte, beindruckt ist. Er schwärmt vor seinem Onkel Attinghausen aus dem Urnerland, ganz in der Art, wie heute unsere Diplomaten und ganz Bundesbern vor dem Schweizer Volk über die EU und dem Königinnenhof in Brüssel schwärmen.

Hören Sie, wie Rudenz, ganz ein Mann von Welt – wie er meint –, edel gekleidet, mit prunkvollem Mantel und stolzer Pfauenfeder auf dem Hut, zu seinem alten, ganz anders gesinnten, sich für die Unabhängigkeit einsetzenden Oheim Attinghausen spricht:

«Vergebens widerstreben wir dem König.
Die Welt gehört ihm: wollen wir allein
Uns eigensinnig steifen und verstocken,
Die Länderkette ihm zu unterbrechen,
Die er gewaltig rings um uns gezogen? […]

Von seinen Ländern wie mit einem Netz

Sind wir umgarnet rings und eingeschlossen.»

Hören Sie unsere heutigen Politiker? Ja auch diese sagen:

«Wir können doch nicht abseitsstehen, uns abschotten von diesem grossen europäischen Verwaltungsstaat. Wir können doch kein Sonderfall sein!»

Der Habsburg-Gläubige Rudenz in Schillers «Tell» – gleich wie die Verführer heute – fährt fort, wie einfach es wäre, mitzumachen in diesen Machtgefilden. Seine Worte lauten:

«Es kostete ein einzig leichtes Wort,
Um augenblicks des Dranges los zu sein,
Und einen gnäd’gen Kaiser zu gewinnen.»

(Anscheinend wurden auch schon die alten Eidgenossen von aussen unter Druck gesetzt).

Ja wahrhaftig: Ein kleines Wort – auch für den grössten Unsinn – genügt. Auch heute wieder. Wer dabei sein will, muss nur Ja sagen zum verlockenden Weg nach Grösse, Macht und Prunk. Ja heisst aber gleichzeitig: Untergang der eigenen Freiheit, der Selbstbestimmung und der Eigenverantwortung.

Doch Attinghausen und die Urkantone sagten nie Ja zum bequemen Weg und zur Anpassung.

Was aber Rudenz noch nicht wissen konnte: Dieser Prunk und die Macht des damaligen habsburgischen Königreiches, diese blenderische Glorie ist längst untergegangen. Aber die Schweiz, die dieser Pracht widerstand, lebt noch und wird in Freiheit weiterleben. Aber nur dann, wenn wir Schweizer gegen die Versuchung nach Grösse Widerstand leisten.

Rudenz jedoch in Schillers «Tell» will nicht nur Anpassung und Eingliederung ins habsburgische Reich um des Landes willen. Er hat zudem ein eigenes Interesse – wie unsere Politiker auch. Bei Rudenz ist es die Liebe zur schönen Bertha von Bruneck aus österreichisch-adligem Hause. Um ihr zu gefallen, ist er bereit, die eigene Heimat zu verraten. Bei uns sind es andere eigene Interessen: Geld und Macht für die Politiker persönlich.

Rudenz will Bertha von Bruneck gewinnen und wäre bereit, dafür Freiheit und Selbstbestimmung des Landes zu opfern. Ganz wie viele heutige Politiker auch.

Doch Rudenz hat sich getäuscht. Bertha von Bruneck ist nicht für Anpassung. Sie sagt:

«In den Waldstätten liegen meine Güter.
Und ist der Schweizer frei, so bin auch ich’s.»

Sie gibt den Waldstätten recht und widerspricht Rudenz, indem sie sich zum Freiheitsbund bekennt:

«Landleute! Eidgenossen!
Ich darf mich auch zu dieser Zahl gesellen»

Erst als sich auch Rudenz umbesinnt, kommt es zum Ehebund, indem Bertha sagt:

«Wohlan, so reich ich diesem Jüngling meine Rechte,
Die freie Schweizerin dem freien Mann!»

Und wieder die Parallele zu heute: Schweizer Politiker wollen den EU-Kommissaren, der EU gefallen und versprechen, dass sich die Schweiz zugunsten der EU aufgeben soll. Sie bitten zwar nicht um Bertha von Brunneck, aber um die Gunst der EU-Kommissare und von Ursula von der Leyen. Aber sie merken nicht, dass es in der EU auch heute standhafte Berthas von Bruneck gibt. Wo ich in Deutschland hinkomme, ruft man mir zu: «Wie recht ihr Schweizer doch habt. Behaltet Eure Freiheit und Selbstbestimmung». Eine Unterschrift unter die EU-Anbindungsverträge wird Euer Ansehen nur schmälern.»

III. Held der Freiheit

Schauen wir uns Willhelm Tell, die Hauptperson in Schillers Drama, an:

Wilhelm Tell ist der Held der Freiheit. Friedrich Schiller war und bleibt der Dichter der Freiheit. Und unsere Vorfahren von 1291 sind die Helden der Freiheit, und die Schweiz ist das Land der Freiheit, jedenfalls solange wir dieser Freiheit Sorge tragen.

Willhelm Tell war ein Einzelkämpfer, ja sogar ein Einzelgänger. Er vollbrachte seinen Apfelschuss und auch den Tyrannenmord an Gessler ganz allein, auf eigene Verantwortung. Seine Erklärung: «Der Starke ist am mächtigsten allein.» Das gilt auch heute: Es gibt Taten, die muss man allein machen, ganz allein, auf eigene Verantwortung. Diese Einsamkeit hat man zu ertragen.

Tell volbrachte den Tyrannenmord an Gessler zwar allein, aber er befreite damit die gesamte Gemeinschaft der Eidgenossen. «Einer für alle!» Mit seiner Lebensweisheit «Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt» war er ganz der guten Sache verpflichtet, ohne Rücksicht auf die eigene Person. Er suchte keinen Streit mit anderen, aber er wusste: «Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.»

Meine Damen und Herren, und das soll heute alles nicht mehr gelten? Es soll veraltet sein? Wer das behauptet, kennt die Welt nicht, ist nicht fortschrittlich, sondern rückständig. All das ist am 735. Geburtstag der schweizerischen Eidgenossenschaft in Erinnerung zu rufen und zu bedenken.

IV. Held der bewaffneten Freiheit

Aber Tell war nicht nur ein Held der Freiheit, sondern auch ein Held der Wehrhaftigkeit, die die Freiheit verteidigte. Er wollte seine Familie und die Freiheit seiner Landsleute schützen und verteidigen. Tell tat genau das, was Getrud Stauffacher in Schillers «Tell» ihrem zaudernden Mann Werner empfahl:

«Schau vorwärts, Werner und nicht hinter Dich.»

«Der kluge Mann baut vor.»

Man soll sich also beizeiten rüsten, um für den Notfall bereit zu sein. Wilhelm Tell ist also geradezu ein Symbol der Wehrhaftigkeit und rechtfertigt sich:

«Mir fehlt der Arm, wenn mir die Waffe fehlt.»

Und er forderte, man solle den Nachwuchs entsprechend ausbilden, dass auch die Jungen gerüstet sind:

«Früh übt sich, was ein Meister werden will.»

Oh, hätten doch all die Friedensapostel und bürgerlichen Zweifler der letzten Jahrzehnte, die unsere Armee abgewirtschaftet haben, etwas mehr auf Tell gehört! Die ewig gültigen Wahrheiten sind ernst zu nehmen!

V. Selbstbestimmung und Neutralität

Die Eidgenossen erhoben sich 1291 nicht, um fremde Länder zu erobern und fremdes Eigentum zu stehlen, sondern um selber über ihr Schicksal zu bestimmen. Die Geburtsstunde des Rütlischwurs steht für die Überzeugung, dass die Verantwortung für das eigene Gemeinwesen nicht an fremde Mächte abgegeben werden darf: «Wir wollen keine fremden Richter haben.» Die alten Eidgenossen wollten weder Untertan eines Kaisers noch Spielball auswärtiger Interessen sein. Das  gilt zu jeder Zeit! Es gilt heute wieder besonders.

So mussten die Eidgenossen in 735 Jahren ihre Freiheit in manchen Befreiungskriegen erkämpfen: Am Morgarten, bei Sempach, in Näfels, in St. Jakob an der Birs, in den Burgunderkriegen von Grandson, Murten und Nancy. Danach waren sie schon fast eine europäische Grossmacht und stritten über die Burgunderbeute, bis ihnen Klaus von Flüe sagen liess: «Machet den Zuun nyt zu wiit!» Mischt euch nicht in fremde Händel, die euch nichts angehen.

Neutralität bedeutet, dass die Schweiz – der Staat – seine Entscheidungen selber trifft und sich nicht in die Konflikte fremder Mächte hineinziehen lässt. Die Verantwortlichen unseres Landes müssen wissen: Wir haben den Krieg von unserem Land fernzuhalten. Die Schweizer Politiker müssen an die immerwährende, bewaffnete und integrale Neutralität gebunden sein. Zum Wohl von Land und Leuten. Leider ist dieses grosse Identifikationsmerkmal durch kleingläubige Politiker gefährdet. Sie wollen keine neutrale Schweiz, sondern eine Schweiz, in der sie machen können, was sie wollen, zu ihrem Ruhm und ihrer Pracht – aber zum Nachtteil der Menschen. Darum muss die schweizerische Neutralität deutlicher in die Verfassung. Dann wird sie wieder glaubwürdig. Sie wird wieder eine verfassungsmässige Anweisung. Das gibt internationales Vertrauen. Die ganze Welt soll Vertrauen haben können in die glaubwürdige schweizerische Neutralität. Das sichert den Frieden und die Freiheit und die Wohlfahrt des Landes.

VI. Neutralitätsmüdigkeit

Es waren 1291 die Worte von Rudenz, der von Pracht, Prunk und Macht des Hauses Habsburg schwärmte. Das war damals, aber immer wieder, und in der heutigen Zeit besonders, hören wir ähnliche Worte. Beispielsweise die Worte bei der EWR/EU-Abstimmung 1992 und heute – 2026 – auch wieder vor der Abstimmung über die EU-Unterwerfungsverträge. Nein: 1291 widersetzen sich die Eidgenossen den Habsburgern, und als Folge wurde die schweizerische Eidgenossenschaft gegründet.

1992 sagte das Volk Nein zum EWR/EU-Vertrag – die Schweiz trat weder dem EWR noch der EU bei, ihre Unabhängigkeit haben die Bürger gerettet. Der prophezeite Untergang der Schweizmüden trat nicht ein – im Gegenteil: die Schweiz blüht und gedeiht.

Die Drohungen von heute kennen Sie. Aber wenn sich die Schweiz der EU unterwirft und die Unterwerfungsverträge – schönfärberisch und verlogen «Bilaterale III» genannt – unterschreibt, gibt sich die Schweiz auf. Sie driftet wirtschaftlich ab – Armut tritt ein. Die Schweiz verlottert. Freiheit und Selbstbestimmung sind dahin.

Doch wenn die Schweiz sich selber bleibt, wird wird sie weiterhin blühen und gedeihen. Massgebend sind für unser Land die Selbstständigkeit und Freiheit. Wenn wirauf diesem Weg weitergehen, bleibt die Schweiz bestehen. Ob die Uno, die EU und die Nato bestehen bleiben, da bin ich nicht so sicher!

VII.    Schlusswort

Meine Damen und Herren,

Und so feiern wir unseren Nationalfeiertag. Wir wollen schliessen mit den eindrücklichen Strophen aus Schillers «Wilhelm Tell»:

«Ans Vaterland, ans teure, schliess dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen.
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft,
Dort in der fremden Welt stehst du allein,
Ein schwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt.»

Wir sind dankbar, dass wir den 735. Geburtstag unseres Landes in Freiheit feiern dürfen. Wir danken allen, die in der Geschichte und heute dazu beigetragen haben. Und wir danken Gott, der dies alles ermöglicht hat. Das motiviert uns, auch in Zukunft für Freiheit und Selbstbestimmung in diesem wunderbaren Lande zu sorgen.

Es lebe die Schweiz!
Vive la Suisse!
Viva la Svizzera!
Viva la Svizra!