Beitrag teilen

Neutralität bedeutet Unabhängigkeit

Leserbrief von Dr. med. Stephan Rietiker, Präsident PRO SCHWEIZ, erschienen in der NZZ am 4. Juli 2025.

«Teamarbeit» mag in der Wirtschaft und in der Rhetorik funktionieren, in der Geopolitik bedeutet sie für kleine Staaten jedoch meist, sich unterzuordnen («Das Dogma Neutralität ist kein Schutzfaktor», NZZ 26. 6. 25). Die immerwährende bewaffnete Neutralität ist kein Anachronismus,sondern ein bewährtes Sicherheitsprinzip. Sie hat der Schweiz Stabilität und Souveränität gesichert – ohne fremde Truppen und Bündniszwänge. Wer sie heute aufgibt, macht die Schweiz erpressbar und fremdbestimmt. Der Vergleich mit Singapur hinkt in zweierlei Hinsicht: Einerseits erlaubt die autoritäre Führung dort keine echte Mitsprache des Volks, die Schweiz hingegen lebt von direkter Demokratie, gerade bei Grundsatzentscheidungen wie der Neutralität.
Andererseits ist das sehr stark bevölkerte Singapur mit einer Fläche von 719 Quadratkilometern auf einer Halbinsel ohne operatives Vorgelände militärstrategisch nicht zu vergleichen mit der Schweiz und ihrem sehr starken Gelände, das uns im Verteidigungskampf viele Optionen in einem Abnützungskampf gegen einen potenziellen Aggressor bietet. Neutralität bedeutet weder Nostalgie noch Isolation, sondern Unabhängigkeit im Urteil. Eine neutrale Schweiz bleibt gesprächsfähig, glaubwürdig und strategisch nützlich – gerade in Krisenzeiten. Ihre Verankerung in der Verfassung ist kein Rückgriff in die Vergangenheit, sondern eine umsichtige Vorsorgemassnahme in unsicheren Zeiten.

Leserbrief als PDF.