Es gilt sowohl das schriftliche wie das gesprochene Wort, wobei sich der Redner vorbehält, stark vom Manuskript abzuweichen.
Die Schweiz wurde nicht durch Anpassung gegründet
Liebe Schweizerinnen und Schweizer,
liebe Freunde unserer Heimat,
Wir feiern morgen den Geburtstag der Schweiz. Wir feiern nicht einfach ein Datum.
Wir feiern eine Idee. Die Idee eines freien Landes. Eines Landes, das seinen eigenen Weg geht. Eines Landes, das sich von niemandem vorschreiben lässt, wie es leben und entscheiden soll. Darauf dürfen wir stolz sein. Denn genau das macht die Schweiz seit Jahrhunderten aus. Unsere Freiheit. Unsere direkte Demokratie. Unsere Unabhängigkeit. Und unsere Schweizer Neutralität. Diese vier Säulen gehören zusammen. Nimmt man eines davon weg, gerät das ganze Gebäude ins Wanken, bricht ein.
Ich bin überzeugt: Noch nie seit dem Ende des Kalten Krieges war unsere Neutralität so wichtig wie heute. Überall auf der Welt entstehen neue Konflikte. Neue Machtblöcke ringen mit Gewalt nach neuem Einfluss. Die Unsicherheit wächst. Und ausgerechnet jetzt behaupten manche, die Neutralität sei überholt, sie sei nicht mehr wichtig und man könne sie flexibel anpassen wie es gerade passt. Ich frage Sie: Wenn nicht jetzt – wann brauchen wir Neutralität?
Unsere Neutralität hat die Schweiz nie schwach gemacht. Sie hat unser Land stark gemacht. Sie hat verhindert, dass wir in fremde Kriege hineingezogen wurden. Sie hat Vertrauen geschaffen. Sie hat Stabilität gebracht. Sie hat unseren Wohlstand mit ermöglicht. Und sie hat der Schweiz weltweit Respekt verschafft. Nicht weil wir gross sind. Sondern weil wir glaubwürdig sind. Ein kleines Land überlebt nicht, indem es sich an die Grossen anhängt. Ein kleines Land überlebt, indem es Charakter zeigt. Deshalb ist die Schweizer Neutralität einzigartig: selbstgewählt, immerwährend, bewaffnet und umfassend.
Doch genau dieser Charakter wird heute schleichend infrage gestellt. Die EU- und Nato-Turbos haben nicht den Mut zu sagen, wir schaffen die Neutralität ab. Nein. Sie gehen Schritt für Schritt vor. Heute diese Anpassung. Morgen jene Annäherung. Übermorgen heisst es plötzlich, Neutralität sei nur noch die Eierschale, der Inhalt ausgesogen. So verliert die Schweiz seine Eigenständigkeit. Scheibchenweise. Und plötzlich stellt man fest: Die Schweiz ist zwar noch neutral auf dem Papier – aber nicht mehr im Herzen ihrer Politik.
Es gibt Fragen, die sind grösser als jede Partei. Die Neutralität gehört dazu. Ich höre manchmal, sie sei ein linkes Thema. Andere behaupten, sie sei rechts. Beides ist Unsinn. Die Neutralität ist nicht links. Die Neutralität ist nicht rechts. Die Neutralität ist Schweiz, und betrifft alle Bevölkerungskreise.
Sie hat unserem Land Sicherheit, Freiheit und Unabhängigkeit gebracht – unabhängig davon, welche Partei gerade regierte. Darum dürfen wir sie niemals zum Spielball parteipolitischer Interessen machen. Wer die Neutralität nur mit billigen Schlagworten bekämpft, hat entweder ihr Wesen nicht verstanden oder versucht bewusst, aus einem Grundwert unseres Landes einen parteipolitischen Streit zu machen mit dem Ziel, unser Land für die EU und Nato sturmreif zu reden. Aber die Neutralität gehört keiner Partei.
Sie gehört uns allen. Sie gehört der Schweiz.
Und genau deshalb stimmen wir am 27. September über die Neutralitätsinitiative ab.
Der Bundesrat beschreibt die Vorlage als eine Frage der künftigen Ausgestaltung der Neutralität. Für die Befürworter geht es darum, die Neutralität verbindlicher in der Verfassung zu verankern und ihre Anwendung klar festzulegen.
Ich bin überzeugt: Diese Abstimmung ist weit mehr als eine gewöhnliche Sachabstimmung.
Sie entscheidet darüber, welchen Weg unser Land künftig geht. Den Weg der Eigenständigkeit. Oder den Weg der unumkehrbaren Abhängigkeit.
Wer die Neutralität aufgibt, spielt mit dem Feuer und gefährdet die Sicherheit, den Frieden und die Freiheit unseres Landes. Neutralität oder Krieg? – Frieden oder Krieg. Wir haben die Wahl!
Unsere Vorfahren haben über Jahrhunderte ein Fundament aufgebaut, das uns ein freies Land mit einer weltweit einzigartigen Demokratie ermöglich. Jetzt liegt es an uns. Unsere Aufgabe ist nicht, die Schweiz neu zu erfinden. Unsere Aufgabe ist es, das zu bewahren, was sie stark gemacht hat, was sie stark macht. Für unsere Kinder. Für unsere Enkel.
Für die nächsten Generationen.
Wir alle müsse nun «a d’Säck»! Sprechen Sie mit Ihren Nachbarn. Mit Ihren Freunden.
Mit Ihren Arbeitskollegen. Mit Ihrer Familie. Abstimmungen gewinnt man nicht in Fernsehstudios. Man gewinnt sie am Küchentisch. Am Gartenzaun. Im Turnverein. Auf dem Dorfplatz. Am Stammtisch. Auf dem Märit. Genau dort entscheidet sich die Zukunft unseres Landes. Schreiben Sie Leserbriefe, verteilen Sie Flyer, hängen Sie Plakate und Fahnen auf. Es gibt viel zu tun. Packen wir es an!
Liebe Schweizerinnen und Schweizer, am Vorabend unseres Bundesfeiertages erinnern wir uns daran, weshalb dieses Land entstanden ist. Weil Menschen den Mut hatten, ihren eigenen Weg zu gehen. Diesen Mut brauchen wir auch heute. Stehen wir ein für unsere Schweizer Neutralität. Denn Neutralität ist keine Vergangenheit. Neutralität ist unsere Zukunft. Und deshalb rufe ich Ihnen mit voller Überzeugung zu: Ja zur Schweizer Neutralität! Es lebe unsere Schweiz! Herzlichen Dank.