Die Schweizer Neutralität hat uns über Jahrzehnte hinweg besondere Autorität und Anerkennung im Ausland verschafft. Sie war nie ein leeres Schlagwort, sondern ein klares und verlässliches Prinzip. Die bewaffnete Neutralität machte uns weder zur Regional- noch zur Grossmacht und verhinderte, dass wir uns Blöcken annäherten. Doch sie schenkte uns etwas Wertvolleres: Autorität und Respekt in der Welt. Durch die willkürliche und lockere Auslegung der vergangenen Jahre wurde dieses Fundament jedoch geschwächt. Unsere Neutralität ist nur wirksam, wenn sie von unseren Partnern auch als glaubhaft wahrgenommen wird. Es ist an der Zeit, dass wir uns wieder auf die tragenden Grundlagen besinnen.
Das konsequente Festhalten an der Neutralität hat uns strategisch enorm gestärkt.
Die bewaffnete Neutralität signalisiert Verteidigungsbereitschaft und hat eine abschreckende Wirkung. Sie bewahrt unsere aussenpolitische Handlungsfreiheit und macht uns als Vermittler glaubwürdig. Gerade deshalb wurde die Schweiz über Generationen hinweg als ehrlicher Makler, als Standort internationaler Organisationen und als Hort humanitärer Tradition geschätzt.
Gleichzeitig festigte die Neutralität den inneren Zusammenhalt unserer Willensnation, die über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg besteht. Wirtschaftlich war und ist die Neutralität ein Standortvorteil ersten Ranges. Stabilität und Sicherheit ziehen Kapital an – besonders in Krisenzeiten. Der Finanzplatz, der starke Franken und die Attraktivität für Unternehmen und internationale Organisationen beruhen wesentlich auf dem Vertrauen in unsere Verlässlichkeit.
Eine glaubwürdige Neutralität ermöglicht uns offene Handelsbeziehungen in alle Richtungen, ohne dass wir uns in fremde Konflikte hineinziehen lassen. Das hat massgeblich zu unserem Wohlstand beigetragen. Auf meinen Geschäftsreisen habe ich immer wieder erlebt, wie Geschäftspartner in Japan, Südkorea, China, den arabischen Ländern, aber auch in Osteuropa, der Türkei, Kanada, Australien und den USA unsere Neutralität als Garant von Stabilität, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit priesen.
Eine unklare und zu flexible Auslegung untergräbt genau diese Vorteile. Glaubwürdigkeit lässt sich nicht teilen. Sie ist entweder vorhanden – oder sie ist weg.
Die Schweizer Neutralität im Jahr 1940 war weder von Anpassung noch von Heldentum geprägt, sondern von nüchterner Staatsräson. Gerade dieses realistische Verständnis, die eigene Handlungsfähigkeit zu bewahren, statt mit spektakulären Gesten Wirkung erzielen zu wollen, würde auch der heutigen Debatte guttun. Die Schweiz behauptete sich damals nicht trotz, sondern gerade wegen einer Politik, die auf Besonnenheit und Wirksamkeit setzte.
In den letzten Jahren wurde an der Neutralität sowie an der Verteidigungsbereitschaft und -fähigkeit von innen und aussen schwer gerüttelt. Das darf nicht mehr sein. Ebenso wenig überzeugt der Vorschlag, ausgerechnet die Schuldenbremse zu lockern. Die Schweiz gehört zu den finanzstärksten Ländern der Welt. Wer eine glaubwürdige Landesverteidigung nicht innerhalb der bestehenden finanziellen Möglichkeiten sicherstellen kann, dem fehlt es weniger an Ressourcen als an Budgetdisziplin und klaren Prioritäten.
Wenn wir die Neutralität wieder klar und konsequent leben, gewinnen wir das zurück, was uns über Jahrzehnte hinweg Respekt und Handlungsspielraum verschafft hat: nicht Grossmachtstatus, sondern echte Autorität nach aussen – und Sicherheit sowie Wohlstand nach innen.
Die Neutralität ist kein Relikt. Sie ist ein bewährtes Instrument. Nutzen wir sie wieder – mit Konsequenz, Klarheit und Überzeugung!